Drei Tage vom Tessin nach Graubünden
Das Tessin bildet die südlichste und italienischsprachige Spitze der Schweiz. Im Sommer kann es insbesondere in den Tälern sehr warm werden, gleichzeitig bietet der Kanton aber sowohl im Frühjahr als auch im Sommer und Herbst sehr viele Möglichkeiten für Wanderungen, die teilweise deutlich weniger begangen sind als die bekannten Routen in anderen Teilen der Schweizer Alpen.
Eine besonders schöne Variante ist eine dreitägige Hüttenwanderung mit zwei Übernachtungen über die Greina und die europäische Wasserscheide. Sie führt vom Tessin über die Greina bis nach Graubünden und lässt sich gerade außerhalb der Hauptsaison sehr ruhig erleben.
Wir reisten in unserem Fall aus Zürich zunächst in Richtung Bellinzona. Von dort ging es wieder etwas nach Norden, über Biasca und anschließend mit dem Bus weiter über Olivone bis Campo Blenio, wo unsere eigentliche Wanderung begann.
Tag 1: Campo Blenio zur Capanna Motterascio
Der erste Abschnitt führt von Campo Blenio zunächst relativ steil, aber abwechslungsreich durch leicht bewaldetes Gelände nach oben in Richtung Lago di Luzzone. Von dort läuft man für längere Zeit entlang des Stausees. Der Weg führt teilweise durch kleinere Tunnel und bietet immer wieder schöne Aussichten auf den Lago di Luzzone selbst und die umliegenden Berge, unter anderem den Pizzo Pianca.
Am hinteren Ende des Sees verändert sich die Landschaft zunehmend. Der Weg wird wieder steiler und führt vorbei an Wasserfällen immer weiter nach oben. Gleichzeitig öffnen sich schöne Blicke auf die deutlich höheren Gipfel der Umgebung, darunter den Plattenberg, die Vernokhörner und den Torrone di Garzora.

Schließlich erreicht man die Capanna Motterascio auf rund 2.170 Metern. Da wir Mitte Oktober unterwegs waren, war die bewirtschaftete Hütte zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen und lediglich der Winterraum geöffnet. Dieser war für uns aber vollkommen ausreichend.
Vor der Hütte befindet sich eine große Sonnenterrasse, auf der man sich bei entsprechend gutem Wetter nach der Wanderung sehr angenehm ausruhen kann. Gerade wenn man früh ankommt und nicht mehr viele andere Menschen unterwegs sind, ist dies ein sehr angenehmer Ort, um den Nachmittag ausklingen zu lassen.
Der Winterraum selbst war mit einem Ofen und einer kleinen, aber vollkommen ausreichenden Küche ausgestattet. Dazu kam ein angenehmes Bettenlager. Decken waren genügend vorhanden, sodass man für die Nacht lediglich die entsprechende eigene Schlafausrüstung benötigte.
Der erste Tag war mit 10,4 Kilometern und 1.121 Höhenmetern im Aufstieg bereits eine ordentliche Etappe, blieb aber insgesamt gut machbar.
Tag 2: Über die Greina zur Camona da Medel
Am nächsten Morgen hatten wir zunächst verschiedene Möglichkeiten. Wir hatten kurz darüber nachgedacht, über die Greina in Richtung Terrihütte weiterzugehen. Dort sollte zu dieser Jahreszeit allerdings teilweise bereits Schnee liegen und außerdem wollten wir ohnehin weiter in Richtung Camona da Medel.

Auch die Camona da Medel war zu dieser Jahreszeit bereits nicht mehr bewirtschaftet, sodass für uns wieder eine Übernachtung im Winterraum vorgesehen war.
Von der Capanna Motterascio liefen wir zunächst hinauf in Richtung Plaun la Greina. Die Greina ist eine ausgedehnte Hochebene auf rund 2.200 Metern, die von zahlreichen kleinen Bächen, Tümpeln und feuchten Flächen durchzogen wird.
Gerade diese Landschaft unterscheidet sich deutlich von vielen anderen hochalpinen Wanderungen. Statt dauerhaft steil zwischen Fels und Geröll unterwegs zu sein, bewegt man sich teilweise durch eine erstaunlich weite und offene Ebene, durch die sich kleine Wasserläufe ziehen. Gleichzeitig wird sie auf allen Seiten von deutlich höheren Bergen eingerahmt.
Wir hielten uns in Richtung Passo della Greina. Aufgrund der Jahreszeit lag an einigen schattigen Nordhängen bereits etwas Eis und stellenweise auch Schnee. Die meisten Abschnitte waren trotzdem noch sehr gut zu gehen, an einzelnen Stellen wären Wanderstöcke oder leichte Grödel beziehungsweise Leichtsteigeisen allerdings angenehm gewesen.
Kurz unterhalb des Passo della Greina und nicht allzu weit von der Capanna Scaletta entfernt zweigten wir schließlich ab und liefen hinauf in Richtung Fuorcla Sura da Lavaz.
Hier veränderte sich der Charakter der Wanderung deutlich. Die Fuorcla Sura da Lavaz liegt auf rund 2.700 Metern und bildet die direkte Verbindung zwischen dem Greina-Gebiet und der Camona da Medel. Der Weg ist weiß-blau-weiß markiert und damit bereits als alpine Wanderroute eingestuft.
Der Aufstieg von der Südseite war für uns trotz der Jahreszeit noch relativ angenehm. Es ging über Blockgelände immer weiter nach oben und in unserem Fall teilweise durch Nebel. Der Weg war aber grundsätzlich gut markiert und ließ sich entsprechend gut verfolgen.
Bereits am Abend zuvor hatten uns andere Wanderer an der Motterascio-Hütte erzählt, dass wir uns auf der Nordseite des Passes auf Schnee einstellen sollten. Genau das bestätigte sich dann auch.

In den oberen zwei- bis dreihundert Höhenmetern des Abstiegs lag deutlich mehr Schnee. Entsprechend gingen wir hier wesentlich langsamer und vorsichtiger weiter. Da wir wussten, dass andere Wanderer die Passage am Vortag noch in die Gegenrichtung gegangen waren, machten wir uns zunächst keine größeren Sorgen, gingen aber trotzdem deutlich vorsichtiger als auf dem restlichen Weg.
Je weiter wir abstiegen, desto weniger wurde der Schnee und ab ungefähr 2.400 Metern ging die Landschaft langsam wieder in weitgehend schneefreies Gelände über.
Nach diesem längeren Abstieg folgte schließlich noch einmal ein Gegenanstieg. Ungefähr ab 2.200 Metern ging es zunächst sanft und später wieder etwas steiler hinauf in Richtung Camona da Medel.
Auch hier stand uns der Winterraum zur Verfügung. Dieser war modern und angenehm eingerichtet, allerdings deutlich kleiner als derjenige der Capanna Motterascio.
Zunächst gingen wir davon aus, die gesamte Hütte für uns alleine zu haben. Später am Abend kamen allerdings noch zwei andere Studenten aus Zürich von der Graubündner Seite hinauf. Am Ende teilten wir uns also zu viert den Winterraum.
Mit vier Personen war dies sehr angenehm. Wenn allerdings alle ungefähr zehn bis zwölf Schlafplätze gleichzeitig belegt wären, würde es meiner Meinung nach relativ eng und kuschelig werden.
Der zweite Tag war gleichzeitig die längste und anspruchsvollste Etappe unserer Wanderung. Insgesamt liefen wir 13,3 Kilometer mit 1.081 Höhenmetern im Aufstieg und 604 Höhenmetern im Abstieg. Durch die hochalpine Passage über die Fuorcla Sura da Lavaz und den vorhandenen Schnee fühlte sich dieser Tag zudem deutlich anspruchsvoller an, als die reinen Zahlen zunächst vermuten lassen.

Alternative Routen über die Greina
Für wen die weiß-blau-weiße Wanderung über die Fuorcla Sura da Lavaz zu anspruchsvoll ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Route anzupassen und den schwierigeren alpinen Abschnitt zu umgehen.
Eine Möglichkeit ist, von der Greina über die Terrihütte weiter ins Tal abzusteigen. Dadurch wird die Tour zu einer reinen Zweitageswanderung. Der Abstieg am zweiten Tag ist zwar relativ lang, dafür bekommt man trotzdem die Greina zu sehen und umgeht den anspruchsvolleren Übergang vollständig.
Eine weitere Möglichkeit ist, von der Greina zur Capanna Scaletta weiterzulaufen und dort eine zweite Nacht zu verbringen. Gerade während der bewirtschafteten Sommersaison bietet sich die Hütte sehr gut als Zwischenstopp an. Am dritten Tag kann man anschließend deutlich entspannter ins Tal absteigen.
Wer unbedingt zur Camona da Medel möchte, gleichzeitig aber die Fuorcla Sura da Lavaz umgehen will, kann theoretisch auch zunächst über die Terrihütte absteigen und anschließend über den normalen Hüttenweg wieder zur Camona da Medel aufsteigen. Diese Variante ist allerdings sehr lang und beinhaltet entsprechend viele zusätzliche Höhenmeter. Ich würde sie deshalb nur empfehlen, wenn man bewusst einen sehr langen Wandertag sucht und die weiß-blau-weiße Passage unbedingt vermeiden möchte.

So lässt sich die Tour relativ flexibel an das eigene Können und die gewünschte Länge anpassen, ohne dass man auf die Greina selbst verzichten muss.
Tag 3: Abstieg nach Curaglia
Am nächsten Morgen ging es für uns schließlich zurück ins Tal. Für die folgenden Tage war stärkerer Schneefall angekündigt, weshalb wir ziemlich froh waren, die hoch gelegenen Abschnitte noch vor diesem Wetterwechsel passiert zu haben.
Der Abstieg von der Camona da Medel nach Curaglia gestaltete sich im Vergleich zum Vortag relativ einfach und ging entsprechend schnell voran.

Insgesamt waren es an diesem Tag ungefähr 7,9 Kilometer und 1.190 Höhenmeter im Abstieg. Nach den beiden längeren vorherigen Tagen war dieser letzte Abschnitt damit ein relativ entspannter Abschluss der Wanderung.
In Curaglia endete unsere dreitägige Tour schließlich wieder direkt an einer Verbindung mit dem öffentlichen Verkehr.
Gerade die Kombination der drei Tage gefiel mir an dieser Wanderung besonders gut. Am ersten Tag startet man noch in einer vergleichsweise grünen und bewaldeten Landschaft im Tessin, läuft am Lago di Luzzone entlang und steigt anschließend zur Capanna Motterascio auf. Am zweiten Tag durchquert man mit der Greina eine vollkommen andere, weite Hochgebirgslandschaft und erreicht anschließend mit der Fuorcla Sura da Lavaz den höchsten und deutlich alpineren Teil der Tour. Am dritten Tag steigt man schließlich auf der anderen Seite der Alpen nach Graubünden hinunter.
Mitte Oktober war die Wanderung für uns besonders ruhig. Beide Hütten waren bereits geschlossen und auf den Wegen trafen wir entsprechend nur wenige andere Menschen. Gleichzeitig zeigte sich aber auch deutlich der Nachteil einer so späten Tour: Oberhalb von etwa 2.500 Metern kann zu dieser Zeit bereits Schnee und Eis liegen und die Bedingungen können sich sehr schnell verändern.
Ich würde eine solche Tour zu dieser Jahreszeit deshalb nur machen, wenn die aktuellen Verhältnisse vorher sehr genau überprüft wurden und entsprechende Ausrüstung für mögliche Schnee- und Eispassagen vorhanden ist. Während der normalen Sommersaison ist die gleiche Route wesentlich unkomplizierter und beide Hütten sind in der Regel bewirtschaftet.
Gerade wenn man aber eine etwas längere Hüttenwanderung sucht, die Tessin und Graubünden miteinander verbindet und landschaftlich an jedem Tag etwas anderes bietet, ist die Tour über Motterascio, die Greina und die Camona da Medel für mich eine sehr interessante Variante.
